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Der Blick hinaus

 

‚Wo moechtest du denn leben, wenn du waehlen koenntest?’, fragte Lars Julian, zog seine Beine noch naeher an seinen Oberkoerper und verbarg sein Kinn zwischen seinen Knien.

‚Da, wo man mit Woertern nicht hingelangt, wo nur die Gedanken sind, die nicht bis zu den Woertern reichen, und dort wissen, was sie tun.’, sagte Julian und schaute aus dem Fenster der Kueche, schaute hinaus ueber das Dach des Nachbarhauses, wartete, bis Lars die Geduld schliesslich ganz verlor und die Kueche verliess.

Julian wusste, dass Lars diese Antworten nicht mehr ertrug, dass er genug hatte davon. Julian verstand. Julian hatte selber genug davon, und doch gab er diese Antworten in solchen Gespraechen, redete so blind, so sicher, wie Schlafwandler sich bewegen.

Lars hatte sich lange einen Menschen wie Julian gewuenscht. Ein Mensch, der schoene Antworten gibt, die nirgends hinfuehren, vielleicht, aber die etwas beruehren, das unumstuerzlich bleibt, zumindest fuer den Moment, wo sie fallen. Lars haette nie gedacht, dass etwas, was man sich wuenschte, so sehr langweilen, so ermueden, so matt machen koennte, eines Tages, wenn man hat, was man wollte.

Julian war unzufrieden. Mit sich, der Welt und allen andern auch. Julians Abneigung gegen die Welt brauchte das Kontingent ‚Abneigung’, das fuer einen Haushalt von zwei Personen bereitgestellt wird, schon vor dem Mittagessen auf. So arrangierte sich Lars mit der Rolle des Zufriedenen, des Umgaenglichen, des Menschenfreundes, das war er alles im Vergleich zu Julian.

Lars fand Ablenkung und Zuneigung in einer Affaere mit einem Arbeitskollegen. Vielleicht ein Langweiler, ein Lueckenbuesser, vielleicht auch mehr. Jemand, der uebers Wochenende nach Lissabon wollte, wenn er gefragt wurde, wo er gerne hin wuerde. Ein Arbeitskollege, dessen Shirt taeglich die Farbe wechselte, sein Kleiderschrank ein bunter Strauss aus Polohemden. Ein Arbeitskollege, der an Firmenessen immer bis zum Schluss blieb. Ein Arbeitskollege, der dem Chef gleichwohl zusetzte wie schmeichelte. Ein Arbeitskollege, der eine Yacht wollte und mit dem Fahrrad zur Arbeit ging. Ein Arbeitskollege, der den Muell angeblich auch in den Ferien in Italien trennte. Ein Arbeitskollege, der seiner Frau zu jedem Hochzeitstag einen weiteren, winzigen Diamanten fuer ihren Ehering schenkte. Ein Arbeitskollege, der oft alleine am Kuechentisch sass und auf das Dach des Nachbarhauses starrte. Ein Arbeitskollege, der sich so sehr Kinder wuenschte, dass er alles andere beiseite stellte, was da auch noch gewesen war. Ein Arbeitskollege, der einfach nicht Vater wurde. Der Arbeitskollege, der Lars immer wieder sagte, dass er nicht auf Maenner stehe, ohne dass Lars ihn ein einziges Mal danach gefragt haette.

Stefans Frau hiess Ivana. Sie war Schwimmerin fuer die DDR gewesen. Als sie fuenfzehn war, kam die Deutsche Wiedervereinigung, begann das Zigeunerleben ihrer Familie auf der Suche nach dem schnellen Geld, auf der Suche nach Glueck, Reichtum, Freiheit. Auf der Suche nach dem Westen, von dem sie alle traeumten, den es nicht gegeben haben wird. ‚Die Erwartung des grossen Gluecks in den Herzen der Menschen des Ostens findet das Glueck des Westens nicht, niemals, auch wenn es da ist nicht.’ Stefan verliebte sich in Ivana, als sie ihm das sagte, als sie ihre festen Schultern umfasste, die Arme ueberkreuzt, die Augen muede an Stefan vorbei hinaus auf das Dach des Nachbarhauses, morgens um halb fuenf an einem Sonntag.

Ivana war Stefans erste Frau. Stefan war Ivanas wievielter Mann? Die beiden verstanden sich sehr gut.

Als Ivana Julian an einem Firmenessen ihres Mannes kennenlernte, war sie an Stefan erinnert, so wie er war, als sie sich kennenlernten. Julian dachte einmal mehr, dass es schlussendlich eben doch so sei, dass Frauen feinere Menschen als Maenner waeren. Selbst eine Frau wie Ivana, streng und geradlinig, innerlich wie aeusserlich, selbst eine Frau wie Ivana, die sehr hart wirken konnte, sehr bestimmt, sehr nuechtern, sehr maennlich, selbst eine Frau wie Ivana hat in gewissen Momenten jene Zartheit, die nur Frauen haben koennen. Eine Zartheit, die weit weg ist von maennlicher Weinerlichkeit.

Und als die Vier auf dem Parkplatz vor dem Club standen, wo dieses Firmenessen geendet hatte und auf ihre Taxis warteten, da fragte Ivana Lars, wo er am liebsten leben wuerde. Lars sagte: ‚Auf dem Mars.’ Und Julian griff ein und meinte, das sei gelogen und wollte Lars ein bisschen blossstellen, was ihm nicht gelang, denn Stefan kam Lars zu Hilfe und sagte: ‚Wenn es jemand mit Mars aufnehmen kann, dann du.’ Und die beiden Taxis fuhren auch schon vor, die Verabschiedung kurz und seltsam foermlich, trotzdem und zugleich ziemlich betrunken.

Als Julian und Lars am folgenden Morgen in der Kueche sassen und sich in Kleinigkeiten verhedderten, die den Vorabend betrafen, die unfreundliche Begruessung von Julian, als der neue Abteilungsleiter sich ihm vorstellte, der Espresso, der Lars Julian zu bestellen vergass, das verkappte Gehabe der beiden in der Disco. Als Julian und Lars sich so zankten und Lars nach irgendeiner Frage, nach irgendeiner Antwort die Geduld verlor und die Kueche verliess, ohne das gesagt gehabt zu haben, was er seit bald einem Monat jeden Tag sagen wollte, da sassen sich Ivana und Stefan in ihrer Kueche gegenueber, und Stefan sagte bangen Herzens, aber doch gerade, doch klar, doch bestimmt, was er seit bald einem Monat sagen wollte: ‚Lars wird Julian verlassen, weil wir uns in einander verliebt haben.’

Und Ivana zog ihre Beine noch naeher an ihren Oberkoerper, die Arme ueberkreuzt und versenkte ihr Kinn zwischen den Knien, schaute unter den Augenbrauen hinaus zum Fenster ueber das Dach des Nachbarhauses und sagte leise, betroffen, aber nicht ueberrascht: ‚Ich habe es gewusst. Ich habe es gewusst, aber es kam mir nie in den Sinn.’

 
     
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