Harlekination

Harlekin
 
 

Interview

 
     
  Interview mit Harlekin, erschienen in der Zeitschrift ‚Zoon Politikon’, Titelthema ‚Gott und die Welt’ 03/2011.  
     
     
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‚In die Welt gegangen, um Buecher zu schreiben’

 

Das Interview fuehrte Urs Gueney

 

Du hast Politikwissenschaft und Linguistik studiert. Warum hast du dich fuer diese Faecher entschieden?

Harlekin: Ich wollte urspruenglich Germanistik studieren. Sprache und Buecher haben mich schon immer interessiert und beruehrt. Die Literaturwissenschaft hat mich dann aber nicht so gepackt, darum habe ich zu Politikwissenschaft und Linguistik gewechselt. Schlussendlich war ich aber allgemein nicht grad gluecklich an der Uni. Vielleicht bin ich etwas zu egozentrisch, um einen guten Wissenschaftler abzugeben.

 

Dabei warst du im Studium durchaus erfolgreich – unter anderem als Co-Autor eines Beitrags in einem politikwissenschaftlichen Sammelband. Was waren die Gruende, die dich dazu bewogen haben, die Uni vorzeitig zu verlassen?

Harlekin: Ich habe sehr bald gemerkt, dass mir wissenschaftliches Arbeiten nicht genug Freude macht. Ich war trotzdem sehr zielorientiert im Studium. Ich wollte schnell fertig sein, um endlich meinen Wuenschen und Traeumen nachgehen zu koennen. Das hat viel Disziplin gebraucht, aber es gab auch recht erfolgreiche Momente. Selbst diese haben mich allerdings dem belletristischen Schreiben noch naeher gebracht. Ich habe mir bewiesen, dass es an der Uni klappen kann. Mit dieser Erfahrung konnte ich mich schliesslich gegen das Liz und fuer das Schreiben entscheiden. Die Entscheidung war fuer mein Umfeld dann aber trotzdem ein ziemlicher Schock – und auch fuer mich selbst.

 

Hast du dennoch etwas mitgenommen von der Uni? Haben die Theorien und Perspektiven, die du dort kennen gelernt hast, deine Sicht auf die Welt beeinflusst?

Harlekin: Ja, natuerlich. Im ersten Moment, als ich mich von der Uni verabschiedete, habe ich das zwar noch praktisch alles abgelehnt. Ich war ausgebrannt und musste erst einmal Distanz gewinnen. Aber ganz klar: die grundlegende Arbeitsweise der Wissenschaften, das Unterscheiden von Theorie- und Empirieebenen, Arbeiten schreiben und strukturieren, Texte scannen und sich dabei auf das Wichtigste zu konzentrieren – das alles ist enorm hilfreich in vielen Lebenslagen. Ich habe eine Zeit lang einfach vergessen, was ich alles nicht gewusst habe, bevor ich an der Uni war.

 

Und was war schockierend an deiner Entscheidung gegen die Wissenschaft, fuer das Schreiben?

Harlekin: Als mein Prof davon gehoert hat, meinte er nur: ‚Ein Brotloser also.’ In der Schweiz – wenigstens in den Kreisen, in denen ich aufgewachsen bin und mich bewegte – sind ein geregeltes Einkommen, Abschluesse und Sicherheiten sehr wichtig. Zudem habe ich mich allein auf den Weg in die Welt gemacht, um Buecher zu schreiben. Ohne zu wissen, ob das klappt – das hat mich manchmal schon ins Wanken gebracht.

 

Du arbeitest seit gut fuenf Jahren als Schriftsteller. Was hat dich zum Schreiben gebracht, was bedeutet dir die Literatur und das Schreiben?

Harlekin: Schreiben ist fuer mich eine Moeglichkeit, der Welt naeher zu kommen, mich und sie und das dazwischen ein bisschen besser zu verstehen. Ueber das Schreiben habe ich eine Form gefunden, Dinge zu teilen, die ich sonst in meinem Leben nicht fand. Dinge, die ich anders nicht teilen konnte. Buecher sind fuer mich ein Stueck Geborgenheit. Meine eigenen wie auch die von anderen, die mich beruehren. Das funktioniert bei mir aber groesstenteils ueber Intuition und Emotion, nicht literaturwissenschaftlich. Nichts Schlimmeres, als einen Text zu zerdenken, finde ich – sei das als Autor oder als Leser.

 

Mit der Entscheidung, die Uni zu verlassen, hast du zugleich auch Zuerich den Ruecken gekehrt. Du arbeitest in Barcelona, manchmal auch in Paris, San Francisco und unterwegs – braucht ein Schriftsteller diese Ungebundenheit?

Harlekin: Es gibt sicher verschiedene Herangehensweisen. Fuer mich ist es sehr wichtig, alleine zu sein, wenn ich einen laengeren Text schreibe. Ich gehe dann irgendwo hin, ein, zwei, drei Monate und schreibe buchstaeblich wie verrueckt. Danach komme ich nach Barcelona zurueck und arbeite den Rest des Jahres mit dem Text. So hat das jetzt schon viermal funktioniert. Wenn man das eigene Leben verlaesst, wird es einfach, neue Leben zu beschreiben, weil man eigentlich alles, was man erlebt, auch als Fiktion erlebt.

 

Ist denn der Ort, wo du hingehst, gar nicht wichtig? Oder gibt es Staedte, Laender, Umgebungen, die dich besonders gepraegt und beeinflusst haben?

Harlekin: Ich habe gemerkt, dass es fuer mich schon leichter ist, wenn ich in westlichen Laendern und in Staedten bleibe. Ich war einmal in Marokko fuer fuenf Wochen, in einem kleinen Ort. Das war wunderbar, aber ich haette keinen Tag laenger dort sein koennen und suche diese Erfahrung vorerst nicht mehr. Ich mag Orte, wo ich untergehen kann, das ist in Marokko nicht moeglich, schon gar nicht ohne andere Touristen. In Paris ist Schreiben etwas sehr Willkommenes. Sie feiern Schriftsteller und das Drum und Dran – eine Zeitlang war das wichtig zu erfahren. In San Francisco habe ich sehr genossen, dass da alle irgendetwas schreiben oder malen oder filmen – du kannst ins Starbucks sitzen und der Typ neben dir fragt: ‚Was machst du?’ Ein Buch schreiben. Und er sagt: ‚Cool, ich bin grad an der Steuererklaerung.’ Diese Entspanntheit dem Schreiben und der Kunst gegenueber hat mich sehr befluegelt. Und Barcelona hat natuerlich das Meer und das Licht, um schreiben zu koennen – ganz klar.

 

Vor kurzem hast du deinen ersten Roman publiziert – ‚Weiss auf Weiss’ – worum geht es darin?

Harlekin: Eine Liebesgeschichte, Dreiecksbeziehung, Familiengeschichte.

 

Du publizierst unter dem Namen ‚Harlekin’...

Harlekin: Ich wusste schnell, dass ich nicht unter meinem buergerlichen Namen Buecher rausgeben moechte. Distanz zu schaffen ist mir sehr wichtig. Nicht nur zwischen mir und den Lesenden, auch zwischen mir und meinen Buechern. Wenn man das eigene Buch in die Hand nimmt, dann ist es etwas vollkommen anderes, ob da der eigener Name drauf steht, oder eben ein Pseudonym. Zudem gefaellt mir der Name Harlekin sehr: das Bild, die Assoziationen.

 

Ein wichtiges Thema in ‚Weiss auf Weiss’ ist die Identitaetsfindung – ganz harmlos eigentlich. Zugleich geschehen aber auch Verbrechen.
Haengen diese Motive, Unschuld und Abgrund, wenn man so will, zwangslaeufig miteinander zusammen?

Harlekin: Ich denke, dass in Liebesgeschichten und auch in Familien oft Grenzen ueberschritten werden, die niemand ueberschreiten wollte – urspruenglich. Wenn sich ein junger Mensch seiner Herkunft, seiner Geschichte, also ein Stueck weit seiner Identitaet bewusst wird, sind diese Dinge oft schwer voneinander zu trennen, ja. ‚Weiss auf Weiss’ begleitet einen Menschen auf diesem Prozess. Einem Prozess mit Erkenntnissen, die aus der Unschuld einen Abgrund machen. Aber auch Befreiung schaffen... Ich glaube nicht, dass Unschuld per se auch schon den Abgrund in sich birgt. Aber sie kann als Pose fuer schreckliche Dinge benutzt werden.

 

Der Text verstrickt die LeserInnen in eine komplexe Welt aus Szenen und Episoden, Andeutungen und Zweifeln, Gedanken und Gefuehlen. Manchmal wird der Leser auch direkt angesprochen mit Fragen, die er sich so vielleicht noch nie gestellt hat. Wie kommt es zu dieser ungewoehnlichen Struktur?

Harlekin: Das habe ich mich auch gefragt, kein Witz. Ich habe einfach drauflos geschrieben, mit dem Vorsatz, erst am Schluss mit dem Nachdenken zu beginnen. Sehr oft war ich selbst tief im Text verstrickt. Die Fragen waren dann eine gute Moeglichkeit, eine Verbindung nach aussen zu schaffen. Und natuerlich sind das vielfach auch Fragen, die ich eigentlich mir selbst stelle. Ich habe mich auf diesen Text wirklich eingelassen. Erst war der Text da, und dann kam ich und habe versucht zu verstehen, was da stand. Erstaunlicherweise habe ich schlussendlich tatsaechlich sehr gut verstanden, was ich schrieb. Das hat mich selbst verbluefft.

 

Wir haben viel ueber die Welt gesprochen, wechseln wir einmal die Ebene: Gott kommt in deinem Roman nicht gut weg. Was hat er angestellt?

Harlekin: Gott selbst hat nichts gemacht. In der Welt wird Gott aber oft benutzt, um die Pose der Unschuld zu untermauern – und das ist hoellisch gefaehrlich.

 

Zurueck zur Welt: ein bestimmtes Tennismatch kommt immer wieder vor in deinem Roman – was koennen wir heute aus dem Damentennis der spaeten 80er Jahre lernen?

Harlekin: Dass Steffi Graf ein kurzes Tennisroeckchen mit zugtoilettenseifengruenen Blumen als Saum darauf trug. Und dass gute Nerven mehr als die halbe Miete sind – nicht nur auf Tennisplaetzen.

 

Du hast nicht nur einen Roman publiziert, sondern auch einen Verlag gegruendet – Was reizt dich an der Verlagsarbeit?

Harlekin: Vom Papier ueber die Schrift bis zum Logo alles selber bestimmen zu koennen, ist grossartig. Allerdings hatte ich auch viele Zweifel, ob ich in dieses Business wirklich einsteigen soll. Irgendwann war ich dann bereit, den ganzen Aufwand auf mich zu nehmen, damit ein Buch von mir rauskommt. Jetzt plane ich Schritt fuer Schritt weiter. Selbst zu schreiben und zu publizieren, das ist schon ein ziemlicher Spagat. Mir schwebt auch etwas vor mit jungen, neuen Autoren, aber das steht noch halbwegs in den Sternen.

 

Welches sind deine naechsten Ziele und die naechsten Projekte des Verlags?

Harlekin: Diesen Herbst will ich meinen zweiten Roman rausbringen. Zudem bemuehe ich mich um Gelder, damit ich jaehrlich einem Autor oder einer Autorin die Moeglichkeit bieten kann, den Erstling zu publizieren – und zwar ohne selbst 10'000 Franken bezahlen zu muessen, wie das heute gang und gaebe ist. Was mich interessiert sind neue, unverbrauchte Texte – wenn dann von Literatur gesprochen wird, duerfen sich andere darum kuemmern. Zudem werde ich an Wettbewerben teilnehmen, damit ich haeufiger auf Tischen in Buchhandlungen lande – ich sage mir: was lange waehrt, und: so Gott will.

 
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