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  Harlekin schreibt eine monatliche Kolumne in ‚Mannschaft Magazin’  
     
     
  lesen 7/12  
     
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Kolumne 7/12

 

Harlekin ueber Barcelona: Das taegliche Leben

 

 

Schwul x hetero = Talent?

 

Vor kurzem wurde in Barcelona die neue ‘Filmoteca’, sozusagen Kataluniens Staatskino, eroeffnet. Ein schoener moderner Bau, da hingestellt, wo der weibliche Ostblock anschafft. Die Prostituierten muessen sich um eine Strasse Richtung Sueden verschieben, die Polizei sorgt wachsam dafuer, die Kulturinteressierten konsumieren derweil die Bandbreite des menschlichen Daseins, ohne von der Realitaet gestoert zu werden, wenn sie das Kino verlassen. Waehrend eines Monats wird ein ‘Almodovar Zyklus’ gezeigt, alle seine Filme auf Leinwand, wunderbar. Ich liebe Almodovar, seine Aestehtik, sein Tabubrechen, seinen Humor. Ich bekomme richtiggehend Heimatgefuehle, wenn ich seine Filme sehe. Es ist in Spanien tatsaechlich oft so, wie er es darstellt: ueberbunt, schraeg, laut. Was ich sehr an Almodovars Werk bewundere: Homosexualitaet, Transsexualitaet, Transvestitismus wird in seinen Filmen selten tatsaechlich diskutiert, er bevoelkert seine Schauplaetze ganz selbstverstaendlich dergestalt, um Geschichten von Menschen zu erzaehlen.

In Hollywood wirkt das alles komplizierter. Dort scheinen nach wie vor keine offen homosexuell lebenden Schauspieler eine Rolle zu bekommen, die homosexuelle Charaktere zeigen. Da war zig Mal der schoene James Franco in ‘James Dean’, ‘Milk’, ‘Howl’, da war der unschoene Philip Seymour Hoffman in ‘Capote’, Jude Law in ‘Wilde’, weiter zurueck Tom Hanks in ‘Philadelphia’, erst kuerzlich Herr DiCaprio in ‘J. Edgar’ und Sean Penn samt Lippenstift in ‘This Must Be the Place’. Ist heutzutage der Beweis heterosexuellen Talents die Darstellung von Homosexuellen? Vielleicht ist das die Annaeherung Hollywoods an das ungeliebte Thema, im Stil: Wenn immerhin der Schauspieler hetero ist, dann verfaerbt sich die Leinwand nicht in einen Regenbogen aus unchristlicher Unzucht, obwohl die Thematik das ungeliebte Sujet traegt.

Mein Freund F. ist Spanier, Schauspieler und schwul. Ich habe ihn schon in einer Fernsehserie als heterosexuellen sexistischen Anwalt gesehen, auf der Buehne in ‘Closer’ als Frauenschwarm Dan, als homophoben Jose Maria im Kurzfilm ‘Elisabeth’ und letztes Wochenende im Theater als griechischen Romeo in ‘Antigone’, eine Tragoedie. Ich bin immer ziemlich irritiert, wenn ich F. sehe, wie er Frauen kuesst und begehrt und auszieht und um ihre Hand anhaelt. Ist der Beweis homosexuellen Talents folglich die Darstellung von Heteros? Oder sollte ich einfach loslassen und mich nicht weiter um das Privatleben der Schauspieler kuemmern, die ja einfach ihrem Beruf und ihrer Passion folgen, naemlich Rollen zu interpretieren?

In der Filmoteca jedenfalls sind in der Matinee-Vorstellung oft auch die Randgruppen vertreten, pausierende Prostituierte und verarmte Philosophen, denn 2 Euro koennen sich alle leisten, um einen alten Almodovar auf Leinwand zu geniessen.

 
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