Harlekination

Books
 
 

Weiss auf Weiss

 
 
Roman, 250 Seiten
     
 
'Ein alter, dunkelbrauner Holzboden, meine weissen Bettlaken, ein grosses Fenster, ihr blaues Foto.

Ich war alleine, frei wie Gott, mein Werk konnte beginnen.'
weiss
 
     
     
  Leseprobe  
  Bestellformular  
     
weiss_600
 
 
 

aus:'Weiss auf Weiss', Roman, 250 Seiten,
Teil II, Kapitel 18

 
     
 

18

 

Wenn wir alle genau das Leben haben, das wir uns wuenschen? Wenn wir uns nur nicht trauen, das zuzugeben? Wenn wir denken, dass das, was wir uns wuenschten, nicht gut genug ist, um es zu wollen? Wenn man aus taktischen Gruenden Unglueck nennt, was gluecklich macht? Wenn man niemanden auf die Idee bringen will, dass sich Ihr Leben zu stehlen lohnen wuerde?

 

Sie schrieb, dass die schoenste Vorstellung fuer sie als Schriftstellerin immer gewesen sei, dass einer ihrer Buchtitel auf dem Nachttisch eines Menschen laege, der nicht lesen und nicht schreiben koenne. Die Vorstellung, dass dieser Mensch ihr Buch, ihren Namen, ihren Titel, das Umschlagfoto so sehr moegen wuerde, dass dieser Mensch, trotz der Unmoeglichkeit der Lektuere, ihr Buch jeden Abend anschauen wuerde, jeden Abend darin blaettern, darin lesen wuerde, sich tagsueber bei der Arbeit darauf freuen wuerde, dieses Buch am Abend in die Haende zu nehmen oder auch nur anzuschauen, bevor das Licht geloescht wuerde.

 

Sie schrieb, niemand wuerde eines ihrer Buecher wohl besser verstanden, mehr geliebt haben, als dieser Mensch, dass ihr dieses Bild jenes Menschen Kraft gegeben habe, weiter zu machen, zu schreiben, etwas sagen zu wollen, dass es im Buecherschreiben nie um mehr gehen koenne, als darum, durch die eigenen Saetze die Geschichte des Lesenden zu provozieren, zu stimulieren, zu simulieren, die Phantasie seiner eigenen Wahrheit zu treffen.

 

Ich war nie verliebt in Jean. Ich pflegte ihm zu sagen, dass ich wahrscheinlich nur mit ihm Zeit verbringe, um mein Leben zu finden. Ich begann allerdings, ihm mehr und mehr zu vertrauen, ihm mehr zu zeigen von mir, bis er scheinbar ueberall in mir war, bis ich ueberhaupt keine Woerter mehr fand, um das zu beschreiben, was er fuer mich war. Bis ich das Gefuehl fuer ihn der Einfachheit halber Liebe zu nennen begann.

 

Irgendwann begann mich Jeans Begehren anzuziehen, irgendwann begann ich, Jean zu begehren, irgendwann begannen wir, mehr als einfach Zeit gemeinsam zu verbringen, irgendwann werden wir tagelang die Wohnung nicht verlassen haben, irgendwann schliefen wir auf unserem Geschlecht ein, erwachten wir dort, gingen wir nur ans Tageslicht, um in den Supermarkt zu gehen, zugeknuepft, als koennte man so umso mehr Energie tanken in dieser kurzen Pause. Ich kaufte Wein und Wasser, Brot, Trauben, Oliven, simpel gesalzene Chips, Stracciatellaeiscreme.

 

Ich war Jean verfallen, er wurde eine Sucht fuer mich. Versteckt, verheimlicht, verhasst und das einzige Feuer in mir. Ich hatte Angst vor Jean, ich hatte noch mehr Angst vor allen andern. Ich hatte Angst, im Zimmer zu sein, ich hatte noch mehr Angst, es zu verlassen. Ich schloss mich ein, schon mein ganzes Leben lang schloss ich mich ein. In Zimmern, Gedanken, Luegen. In Naechten, in Parks. Im Vakuum der versteckten Liebe. Ich tat alles, damit ich meiner Sucht nicht ueber den Weg lief, um sie zu verbergen. Jede Sucht glaubt von sich, noch keine zu sein. In jenem Moment, wo man sie als solche anerkennt, ist sie schon auf dem Rueckzug, hat sie ihren Zenit bereits ueberschritten.

 

Das einzige, was Jean mir liess, war der Wunsch, ihn zu verlassen. Oder ihn zu toeten. Fuer mich war das ungefaehr dasselbe. Alles andere in mir war besetzt von ihm, ich fand nicht dazu.

 

Manchmal musste ich kurz die Wohnung verlassen, kurz raus auf die Strasse, in ein Warenhaus, in einen Park, in einen Sportclub, um mit irgendjemandem, irgendwo, irgendwie Sex zu haben, um mich zu vergewissern, dass ich noch existierte, dass ich noch ein Geschlecht hatte, dass ich es nicht an Jean verloren hatte. Nie in meinem Leben vorher haette ich mir vorstellen koennen, dass ausgerechnet mir das passieren koennte. Alles, jede Sucht, jeden Abgrund, jedes Verbrechen konnte ich mir fuer mein Leben vorstellen, einzig die Abhaengigkeit zu einem Menschen nicht. Wer zu sehr aufruestet, leidet schliesslich unter einer Mueckenallergie.

 

Es war nach Mitternacht, als Jean und ich das Lokal in der Naehe des Pont Neuf verliessen, nachdem ich die Rechnung verlangte und Jean seine Kreditkarte mit seinem Ausweis daneben auf das silberne Tablett der Rechnung legte, und ich dachte ueber das Wort 'Identitaet' nach, als wir warteten, bis der Kellner zurueck kam, Jean unterschreiben konnte, ich unauffaellig fuenfzig Francs Trinkgeld unter mein leergetrunkenes Bierglas legen konnte und Jean bereits Richtung Tuer gegangen war. Ich setzte mich noch einmal kurz auf das gruene Sofa, verbarg mein Gesicht einen Augenblick lang unter meinen Haenden, spuerte meine Betrunkenheit, spuerte mein Verlorensein, spuerte die Unumgaenglichkeit dieses Treffens, spuerte, wie ich nun etwas machen wuerde, hier und jetzt begonnen gehabt haben wuerde, das ich nicht rueckgaengig machen, niemals in meinem Leben wieder zurueckspulen oder flicken koennte, ich spuerte, wie ich nun aufstand und mich auf den Weg machte, um es einfach zu tun, im vollen Bewusstsein dessen, was es fuer mich heissen wuerde, dem Bewusstsein, das neben meiner Betrunkenheit hellwach auf mich wartete. Ich wusste, dass ich nicht heute Abend, nicht in dieser Nacht, nicht einmal in diesen Tagen entschieden hatte, dass das geschehen wuerde, wozu ich mich praktisch immer noch zu entscheiden hatte, was theoretisch immer noch vor mir lag und doch wusste ich um die Tatsache, um diesen mir verborgenen Entschluss, den ich faellte, lange bevor ich nach Paris kam faellte. In diesem Moment erinnerte ich mich an den Tag, wo ich meinen grauen Wollmantel bis unter mein Kinn zu machte und in einer Bahnhofshalle in der Schweiz stand, eine grosse Uhr anschaute und mich entschied, dort und damals, ein einfaches Billet zweiter Klasse nach Paris zu loesen, fuer den Dezember. Ich erinnere mich daran, dass ich die Bahnhofshalle wieder verliess, mit niemandem ueber mein Ticket, ueber meine Abreise, ueber meine Plaene sprach, wie ich still fuer mich entschied, das zu tun, was ich in diesem Moment, wo ich mich neuerlich auf das Sofa setzte, zum ersten Mal tatsaechlich erkannte.

 

In der Zwischenzeit waren wir beide vor dem Lokal. Jean fragte mich, ob mir schlecht sei, ich verneinte. Ich meinte, meine Gedanken haetten sich eben kurz im Kreise gedreht, getaumelt, als ich vom Sofa aufstand, aber schlecht sei mir nicht. Ich genoss die kalte, frische Luft, ich roch die Seine. Ich versuchte, mir den Geruch der Seine im Sommer vorzustellen, es gelang mir nicht. Wir waren bald zwoelf Stunden ununterbrochen zusammen, Jean und ich, ich sagte ihm das, nachdem ich seinen linken Unterarm fest mit meiner rechten Hand umschloss und mit meiner linken Hand seinen Mantel- und Pulloveraermel zurueckschob, um sein Handgelenk zu entbloessen, damit ich auf seine Uhr schauen konnte. Ich sagte das zu Jean, aber mir war nicht bewusst, dass zwoelf Stunden vergleichsweise wenig sein wuerden, im Nachhinein. Jean laechelte, er war diese Art Tage, Abende, Naechte mehr gewohnt als ich, besser in Form, ich hatte die Uebung darin verloren, ich entschied mich irgendwann, nicht mehr in Bars und Clubs und Alkohol zu verkehren, ich entschied und lebte das und doch, in diesem Moment war ich vielleicht etwas schlechter in Form als in anderen Momenten, zur selben Uhrzeit, nach derselben Menge Alkohol, aber ich war trotzdem sehr sicher in diesem Nebel, er war mir sehr bekannt, ja vertraut, mir fast unheimlich in unserem Selbstverstaendnis. Ich war sicher im nicht ganz so sicheren Stand, im Dunkel, neben Strassenlaternen, die gelborange leuchteten, fast wie Bahnhoefe es tun, nachts, wenn man durch sie hindurch faehrt. Jean erkannte mich, wie ich ihn erkannte, ein paar Wochen zuvor, an selber Stelle, Jean fuehlte dieselbe Beschwingtheit, fuehlte den Morgen, im Maerz, den Fruehling, Jean war wie neugeboren nach diesen zwoelf Stunden. Ich tat gut darin, mich mit ihm zum Kaffeetrinken zu treffen, er war jetzt offen fuer restlos alles, was nach gemeinsamem Kaffeetrinken kommen kann. Offener dafuer, als ich es war, nun ploetzlich. Er fragte, ob wir ein bisschen durch Paris fahren wollten, er haette sein Auto nicht weit von hier parkiert, zehn Minuten zu Fuss. Ich spielte mit den Kieselsteinen unter meinen Schuhen, stand neben dem Trottoir und meinte, dass wir viel zu betrunken seien, um Auto zu fahren. Jean laechelte zufrieden und sagte, bereits im Begriff, Richtung Auto zu gehen, ob ich das Gefuehl haette, dass heute Nacht der Moment zum Sterben gekommen sei. Ich beendete meine all zu zoegerliche, vollkommen unbrauchbare Verweigerungshaltung, die Art Verweigerung, die mehr zustimmt, als ein Sprung ins kalte Wasser zustimmt, meine Verweigerung gegenueber Jean, dem Moment, mir, der naechsten Zeit, dem Unumgaenglichen, dem Nichtweitergehenwollen, das hinter meinen Haenden auf dem gruenen Sofa ueber mich kam, scheinbar nur einen Augenblick lang ueber mir, aber offensichtlich gar noch nicht weg war. Ich sagte 'definitiv' und begann zu lachen, ein klein wenig verrueckt, aber vor allem betrunken.

 

Wir gingen am Ufer der Seine entlang zum Auto, Jean sagte mir, er habe mich gesehen, ich haette ihm gefallen, das sei weiter nichts Schlimmes. Ich sagte recht aktiv nichts dazu und nachdem wir auch den restlichen Weg schwiegen, blieb ich vor dem Auto stehen, schaute Jean an, der den Autoschluessel in seinem Mantel suchte, und sagte ziemlich sachlich und unangenehm klar, dass ich wuesste, dass der Wahnsinn in mir lebe, dass ich wuesste, dass wir gut zusammen leben koennten, dass wir uns nur genug Luft lassen muessten, dass ich wuesste, dass wir auch lachen koennten ueber uns.

 

Jean fuhr los, ich stellte das Autoradio ein, suchte einen Sender, wo Musik gespielt wurde und weder lustige, noch derbe oder gescheite Kommentare fielen, und da setzte die Musik ein, die ich mir vielleicht gar nicht gewuenscht haette, aber die kommen musste in diesem Moment.

 

Als am Osterwochenende 1997 beim Pinkpop Festival ‚Counting Crows’ spielte, irgendwann die ersten Takte von ‚Round Here’ ueber die Lautsprecher bebten, Saenger Adam Duritz seine beiden Arme erhob und in seinem zugtoilettenseifengruenen Hemd die ersten Zeilen zu singen begann, war ich sturz-betrunken, wie ich es immer war auf Konzerten, aber fuer einmal drang ein richtiges Gefuehl durch, bis tief in mich hinein, ich war bodenlos gluecklich, ein Lied lang gluecklich, mit dem Wissen, dass ich diesen Moment nie mehr in meinem Leben vergessen, ihn nie hergeben, dass ich ihn immer bei mir haben wuerde. Adam Duritz erhob seine Stimme und sprach mir vor: ‚Step out the front door like a ghost into the fog where no one notices the contrast of white on white.'

 
     
  up  
  home