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Findelkinder

 
 
Roman, 111 Seiten
     
 
'Jamal ist zu Hause. Jamal will nach Hause. Jamal hat kein Zuhause. Jamal erinnert sich an sein Zuhause.'
findelkinder
 
     
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findelkinder
 
 
 

aus: 'Findelkinder', Kapitel 7; Roman, 111 Seiten

 
     


7

Jamal und Laura teilten in ihren Leben die Intimitaet, gemeinsam erwachsen geworden zu sein. In derselben Papeterie die grossen runden bunten Kaugummis geklaut, am selben Mittwochnachmittag zum ersten Mal geschlossen getanzt, sich am selben Ort Gott vorgestellt, hinter Gleis Drei, dem hintersten Gleis des Bahnhofes, wo der Wald begann und die Sonne unterging abends. Orangerot war ihrer beider Gott gewesen. Sie teilten diese Art Intimitaeten, immer auch ein wenig Bruder und Schwester.

Sie machten in ihrer Kindheit fuer jede Altersstufe das gemeinsam, was noetig war, um ein richtiges Maedchen, ein richtiger Junge zu sein. Trotzdem wuerde Jamal nie ein richtiger Junge, Laura nie ein richtiges Maedchen gewesen sein.

Laura konnte bereits frueh von ihren Traeumen erzaehlen. Sie hatte klare, schoene Vorstellungen. Sie wollte Chemikerin werden, sieben Katzen und ein eigenes Schwimmbad mit 'Sprudelwasser' haben.

Jamal war voller Wunder damals, aber lange Zeit blieb er einen Schritt hinter Laura zurueck, blieb ein wenig in ihrem Schatten, was die Faehigkeit anbelangte, die Fantasien nach vorne zu leben.

Ihren Geschlechterrollen gaben sie auch als heranwachsende Jugendliche wenig Gewicht. Als sie Kinder waren, war dem schon so gewesen, und spaeter eigentlich auch, selbst an diesem Abend beim Essen in Jamals Kueche.

Nichtsdestotrotz verstand sich Laura besser auf vieles im Umgang zwischen den Geschlechtern. So zettelte sie die Spielchen an und loeste sie selber wieder auf, weil Jamal ihr zu langsam, zu vorsichtig war. Jamal war es bei diesen Dingen stets etwas seltsam zu Mute, aber er stoerte sich nicht weiter daran.

Als sie dann langsam erwachsen wurden, war Jamal zu unsicher, um tatsaechlich etwas Romantisches mit Laura zu erleben. Laura dachte damals, das waere Maennlichkeit.

Im Jahr, als Laura und Jamal zwanzig Jahre alt wurden, begann sich vieles zu wandeln.

Jamal wurde mehr und mehr in den Alltag des Blumenladens miteinbezogen, Laura beendete ihre Ausbildung als kaufmaennische Angestellte und zog in die Stadt, um 'Karriere zu machen', wie sie selbstbewusst sagte. Im Dorf fand man Laura arrogant. Jamal unterstuetzte sie dabei, obwohl er sehr neidisch auf Laura war.

Sie verloren sich in der Folgezeit zwar etwas aus den Augen, aber der Kontakt brach nicht ganz ab. Schlussendlich war Jamal das alles ganz recht so, denn er wollte nie den Platz von Lauras festem Freund einnehmen. Laura wollte inzwischen viel mehr einen festen Freund, als dass sie Jamal wollte.

Irgendwann brach ihr Kontakt dann ab. Lauras Mutter kam tragisch ums Leben. Laura und ihre Schwester verkauften ihr leeres Elternhaus, die Schwester blieb zwar in der Gegend, aber verliess das Dorf ebenfalls, so dass es fuer Laura keinen Grund mehr gab, hierhin zurueckzukommen.

Laura und Jamal entwickelten sich in diesen Jahren nach zwanzig sehr unterschiedlich. Sie mochten sich nach wie vor gerne, aber es gab in der Zwischenzeit sehr wenige Gemeinsamkeiten in ihren Leben. Es schien fast so damals, dass beide einen Kontaktabbruch und schoene Erinnerungen aneinander dem offensichtlichen Entfremden vorzogen.

Jamal war ploetzlich sein eigener Chef im Geschaeft, uebernahm die Wohnung seiner Eltern, aus dem Einzelkind wurde der Geschaeftsmann. Er uebernahm die Verantwortung fuer den Blumenladen jung, seine Eltern waren bereits im Pensionsalter und wollten ihren Lebensabend in den Bergen verbringen.

Laura lebte in der Stadt, ging ins Theater und abends auswaerts essen, kaufte schoene Schuhe und sprach oft von der Liebe. Aber es schien, dass Laura in dieser bunten und beredten Welt der wichtigen Leute, der wichtigen Beziehungen und Bezeichnungen unterzugehen drohte.

Laura sagte zu Jamal, als die beiden sich zum letzten Mal sahen, dass sie genug habe von naiver Erfolglosigkeit. Sie sei nun erwachsen und werde sich so weit anpassen, wie es noetig sei, um sich selber verwirklichen zu koennen.

Jamal fand damals, dass Laura sich selber nicht mehr erkannte, dass Laura so vieles versuchte und machte, um anderen zu gefallen, dass fuer sie selber kaum Platz uebrig blieb.

 
     
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