Harlekination

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Erzaehl mir..

 
 
Kurzgeschichtenband, 217 Seiten
     
 
'Fuenfundzwanzig Kurzgeschichten erzaehlen, wieviel in einem Leben, einem Jahr, einem Zimmer, einem Gedanken Platz hat; wieviel ausschliesst, einschliesst und freilaesst.'
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aus: ‚Erzaehl mir..’, Kurzgeschichtenband, 217 Seiten

 
     
 

Into the white

 

An diesem Tag wuerde ein Verbrechen geschehen, alle Fernsehstationen Amerikas wuerden live und vor Ort darueber berichten. Ich wusste noch nichts davon, als unsere Geschichte begann, kurz nach null Uhr jenes Tages, als ich Neil kennenlernte.

Ich war eine Woche lang in Los Angeles gewesen, versuchte es bei den Sternchen in Hollywood, versuchte es bei den Reichen, bei den Aufstrebenden, den Gefallenen auch. Ich besuchte erstaunlich viele sterbenslangweilige Quartiere, und obwohl ich mir sogar ein Andy-Warhol-Zitat auf meinen Unterarm schrieb, 'I want to be plastic', schaffte ich es nicht, die Stadt zu moegen. Als ich bereits beschlossen hatte, Los Angeles den Ruecken zu kehren, traf ich Neil.

Am Abend vor der geplanten Weiterreise ging ich nach Westhollywood: Kaeufliche Liebe, Drogendealer, American Dream unter dem Existenzminimum und amerikanische Ballermannstimmung, das zumindest versprach man mir. Ich hatte ein paar Dollars und meine ID bei mir, es gab offensichtlich nichts zu verlieren. Schliesslich landete ich an der Theke irgendeiner Bar, wo Travestiekunst geboten wurde.

Dort setzte sich Neil neben mich und fragte: 'What’s up, dude?' Er wirkte aufgekratzt, aber nicht uncharmant. Ein Mann gegen die Vierzig, nicht zu gross, vielleicht 1,73. Er trug schwarz-graue Nikes, keine Socken, schwarze Basketballhosen, ein weisses Burger-King-T-Shirt, die Aermel abgeschnitten, ausgefranst. Bart, mittellanges schwarzes Haar, keine Ohrringe, aber einen feinen silbernen Nasenstecker, der sein kantiges Gesicht erstaunlich weich erscheinen liess. Tattoos auf Schultern und Armen, bunte Blumen, freundliche Zeichnungen, keine Guns’n’Roses. Und trotzdem, waeren wir nicht in einer Travestiebar gesessen, haette ich mich vor ihm gehuetet. Der Typ Mann, der entweder ein grosser Maennerliebhaber oder ein Schwulenhasser ist, aber nichts dazwischen.

Ich weiss kaum mehr, worueber wir in dieser Bar miteinander sprachen. Ich erinnere mich daran, dass Neil irgendwann sagte: 'You’re hot. I hate cute guys. You’re hot.'

Wir gingen bald weiter, beschwingt von der Nacht, beschwingt von der Fremdheit, den Moeglichkeiten, der Naehe, die zwischen zwei Menschen entstehen kann, unverhofft, schneller als das Leben selber.

Im Nachhinein denke ich darueber nach, ob ich haette aufhorchen muessen, als Neil zweimal nachhakte, um zu erfahren, wohin und wann meine Reise weiterfuehre. Ich hatte ja eigentlich beschlossen, am folgenden Morgen mit dem Bus nach San Francisco zu reisen, wollte das aber erst nicht preisgeben, weil ich nun einen 1,73 Meter grossen, 70 Kilogramm schweren Grund neben mir hatte, meine Abreise um einen Tag, eine Woche, eine Liebelei zu verschieben. Vielleicht haette ich skeptisch werden muessen, als Neil sagte, er fahre am folgenden Morgen mit seinem Auto nach San Francisco. Ich dankte derweil dem Universum fuer Timing und Barmherzigkeit, ganz New-Age. Setzte sich Neil an dieser Bar neben mich, weil er bereits wusste, was meine Plaene waren? Wie haette er davon erfahren koennen? Im Hotel? Befreundet mit dem Mexikaner an der Rezeption?

Neil schlief in dieser Nacht bei mir im Hotelzimmer. Er kletterte ueber die Bruestung im Hinterhof und stieg durch das Fenster meines Zimmers im Hochparterre ein. Zur Begruendung sagte er: 'Man weiss nie, wie Amerikaner auf Faggots reagieren.' Wir gingen zusammen ins Bett. Neil war viel weicher, viel zugewandter, als ich das erwartet hatte. Und irgendwann fluesterte er: 'Fuck me, carefully.'

Nachdem wir das Licht geloescht hatten, versuchte ich, nicht sofort einzuschlafen, weil ich diese Unglaublichkeit gerne gehalten und ausgekostet haette. Ich schlief trotzdem sehr bald ein, erstaunt ueber die zarten Lippen dieses grimmigen Mannes, ueber seine Haende, die mein Gesicht zwischen sich hielten, durch meine Haare strichen, sein leichtes Kopfschuetteln mit dem Laecheln auf seinen Lippen, das etwas zwischen Zuneigung und Bedauern ausdrueckte. Ich erinnere mich daran, wie ich das gruene Licht der Leuchtreklame vor den Jalousien wahrnahm und dachte: 'Jetzt bin ich in Amerika.'

Neil weckte mich um neun, wir hatten die Abfahrt eigentlich um halb acht geplant. Er war verschwitzt und gestresst, sagte, ich solle duschen, er wuerde meine sieben Sachen zusammenpacken, wir seien zu spaet. Er schien schon lange wach, hatte seine Haare und seinen Bart kurz rasiert, mein Basecap aufgesetzt, stand vor dem Spiegel und setzte seinen Nasenstecker ein. Ich war benebelt und verschlafen, hatte Kopfschmerzen und war immer noch im wattigen Gefuehl dessen, was geschehen war, bevor ich einschlief.

Zehn Minuten spaeter sassen wir im Auto. Neil warf mir eine Plastikbuechse mit Koffeintabletten und eine Musikkassette auf meinen Schoss. Zu den Tabletten sagte er: 'Zum wach werden.' Zur Kassette: 'Ich hasse Radio.' Auf beiden Seiten der Kassette war dasselbe Lied ueberspielt: 'Into The Sun', The White Buffalo, der perfekte Soundtrack fuer diesen Trip. Als ich die Kassette in die Hand nahm und 'Buffalo' las, dachte ich an 'Buffalo Bill', der Serienkiller aus 'Das Schweigen der Laemmer', sagte aber nichts. Neil schaute mich nicht an, er fragte logischerweise auch nicht: 'Schweigen die Laemmer, Claris?'

Mit jeder Stunde, die wir fuhren, verblasste meine Romanze mehr. Auch das Spektakel der Landschaft auf dem California Highway 1 drang nicht zu mir durch. Es war dunstig bewoelkt und erstaunlich kuehl, die Welt schien eine riesige, weisse Wolke zu sein, mit Abgrund links und Felsen rechts. Etwas an diesem Mann war extrem schraeg. Ich begann, mich ueber mich selber zu wundern, mich ueber meine Naivitaet und Blauaeugigkeit zu nerven. Wie konnte ich mit einem Mann, den ich angetrunken in einer zwielichtigen Bar in Westhollywood aufgabelte, in einem Auto durch Amerika reisen? Wie dumm konnte ich sein?

Es geschah nichts weiter auf dieser Fahrt, und genau das war das Unheimliche und Verwirrende dieser Reise. Nach dem rasanten Einstieg, der Intimitaet der ersten Stunden, folgte auf einer 9-stuendigen Fahrt einfach nichts. Kein Gespraech, kein Austausch, kein Kontakt.

Neil bestand darauf, das erste Automotel am Eingang von San Francisco zu beziehen. Ich wollte in die Stadt, unter Menschen, Fussgaenger, Familien und untaetowierte Maenner. Neil wurde wuetend und laut, rechtfertigte sich aber sogleich, er sagte: 'Ich bin angespannt, okay?!' Keine Frage, das war er. Und ich versuchte mich zu beruhigen, versuchte immer wieder, aus dieser kleinen Anekdote keinen fatalistischen Roadmovie zu spinnen.

Als Neil duschen ging, wartete ich, bis das Wasser eingeschaltet war, nahm meinen Rucksack, versuchte leise zu sein, schlich auf Zehenspitzen Richtung Tuere, als waere ich noch ein Kind und muesste eine Mutprobe bestehen. Ich erreichte die Tuere, atemlos, mein Herzschlag haemmerte gegen mein Zwerchfell. Was tun, kaeme Neil aus der Dusche, fragte, wo ich hin wollte? Bewaffnet? High? Diente das laufende Wasser nicht nur mir als Geraeuschteppich, sondern auch ihm? Ich erreichte die Tuere, oeffnete sie so schnell, so leise wie moeglich. Und dann rannte ich los, rannte so lange, bis ich in einem Taxi sass.

In einem Hostel in der Innenstadt angekommen, reservierte ich hoffnungslos uebermotiviert ein Bett in einem 8er-Schlafraum. Als ich darauf wartete, dass mir die Rezeptionistin ein Frottetuch und einen Spintschluessel heraussuchte, sah ich eine Nachrichtensendung im Fernseher neben der Empfangstheke: Gesucht ein etwa 40-jaehriger Mann, wahrscheinlich Amerikaner, mexikanischer Einschlag, mittellanges Haar, Bart, mittelgross, der frueh an diesem Morgen ein schreckliches Verbrechen in Los Angeles begangen hatte.

 
     
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